# Fatih Birol: «Der Markt unterschätzt, was eine anhaltende Sperrung bedeuten würde» **By:** Lorenz Honegger **Published:** 2026-04-17T07:30:00+02:00 **Source:** [Neue Zürcher Zeitung](https://www.nzz.ch/wirtschaft/iea-direktor-fatih-birol-der-markt-unterschaetzt-was-eine-anhaltende-sperrung-bedeuten-wuerde-ld.1934104) --- «Ich sagte immer wieder, dass die Weltwirtschaft von ein paar hundert bewaffneten Männern in Geiselhaft genommen werden kann» Als Direktor der Internationalen Energieagentur (IEA) bestimmt Fatih Birol mit, wie die Welt auf den Iran-Krieg reagiert. Er rechnet mit weiteren Flugausfällen, gestörten Lieferketten – und neuem Schwung beim Comeback der Kernenergie. Wenige Wochen vor Kriegsausbruch: der IEA-Direktor Fatih Birol am World Economic Forum in Davos Ende Januar. Michel Euler / AP Die Internationale Energieagentur (IEA) ist ein Kind der ersten Erdölkrise von 1973. Damals drosselten öl­exportierende Staaten im Nahen Osten ihre Förderung und verhängten ein Embargo gegen westliche Länder, die Israel im Jom-Kippur-Krieg unterstützten. Die Folge: drastische Preisanstiege und Versorgungsengpässe. 1974 gründeten die Verbraucherländer die IEA, um künftige Krisen besser zu meistern. Ihre Notfallmechanismen helfen heute, die wirtschaftlichen Folgen des Iran-Kriegs zu begrenzen. Seit fast elf Jahren führt der türkische Ökonom Fatih Birol die Organisation. Das «Time Magazine» zählt ihn dieses Jahr erneut zu den hundert einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt. Die NZZ erreicht ihn am Donnerstagnachmittag telefonisch. Frage: Herr Birol, Sie haben die Blockade der Strasse von Hormuz als die grösste Bedrohung für die Energiesicherheit in der Geschichte bezeichnet. Doch die Ölpreise sind diese Woche gefallen, und mehrere Leitindizes an den Börsen haben Höchststände erreicht. Übersehen die Märkte etwas? Antwort: Ja. Der Markt unterschätzt, was eine anhaltende Sperrung bedeuten würde. Wenn die Strasse von Hormuz geschlossen bleibt, werden die Energiepreise steigen. Und zwar aus folgendem Grund: Vor dem Krieg waren bereits mehrere Öl- und Gastanker auf dem Weg zu ihren Zielorten. Diese Transporte, die 30 bis 40 Tage dauern, sind inzwischen angekommen. Das hat die Auswirkungen bislang abgefedert. Doch im März wurden keine neuen Tanker beladen. Es gab keine neuen Lieferungen von Öl, Gas oder Kraftstoffen an die asiatischen Märkte. Diese Lücke macht sich nun bemerkbar. Sollte die Strasse von Hormuz nicht wieder geöffnet werden, müssen wir uns auf deutlich höhere Energiepreise einstellen. Frage: Fluggesellschaften weltweit streichen Flüge aufgrund von Treibstoffengpässen. Wie stark wird der Nachfragerückgang im Energiebereich ausfallen, wenn die Krise anhält? Antwort: Wir haben bereits Preise nahe 100 Dollar je Fass, und dies wird die Inflation in vielen Regionen in die Höhe treiben. Für Schwellen- und Entwicklungsländer ist die Lage jedoch noch schlimmer, da ihre Währungen schwächer und ihre finanziellen Möglichkeiten begrenzter sind.  Als Folge der Krise werden einige Raffinerieprodukte wie Kerosin und Diesel nicht mehr verfügbar sein, da das Rohöl die Raffinerien nicht erreicht. In einigen Ländern könnte dies zu Flugausfällen und -stornierungen führen. Zudem beeinträchtigt die Dieselknappheit den Industriesektor. Frage: Rechnen Sie mit ähnlichen Störungen in den Lieferketten wie während der Pandemie? Antwort: Die Lieferketten werden stark unter Druck geraten. Ein Grund dafür ist, dass neben Öl und Gas auch andere wichtige Rohstoffe von Versorgungsengpässen betroffen sind, wie Düngemittel, Petrochemikalien und Helium. Diese Engpässe werden erhebliche Probleme für die Lieferketten verursachen. Dies kann sowohl den IT-Sektor als auch den Lebensmittel- und Agrarsektor beeinträchtigen, was wiederum die Lebensmittelpreise in die Höhe treiben könnte. Daher werden sowohl die Energie- als auch die Nicht-Energie-Lieferketten unter Druck geraten. Frage: Im März haben Sie die Freigabe von 400 Millionen Fässern Öl aus den Notreserven aller 32 IEA-Mitgliedsländer angekündigt. Rechnen Sie mit weiteren Freigaben? Antwort: Zuerst möchte ich sagen: Es handelte sich um die grösste Freigabe in der Geschichte der IEA. Die zweitgrösste war nur halb so gross. Sobald die Information bekanntwurde, gingen die Ölpreise stark zurück. Die 400 Millionen Barrel machen nur 20 Prozent unserer Reserven aus. Wir haben noch 80 Prozent zur Verfügung. Falls nötig, sind wir bereit, sofort und entschlossen zu handeln. Wir sind noch nicht so weit, aber es steht definitiv zur Debatte. Wir beobachten die Märkte genau. Frage: In der Strasse von Hormuz blockieren die USA die Meerenge nun faktisch selbst: Inwieweit verschärft dies die ohnehin schon angespannte Situation? Antwort: Wir sind daran interessiert, dass die Strasse von Hormuz geöffnet wird. Die grosse Menge an Reserven, die wir im März freigegeben haben, ist keine Lösung – sie lindert lediglich kurzfristige Engpässe. Die wichtigste Lösung ist die Wiederöffnung der Meerenge. Welche Schritte auch immer von den Ländern in der Region unternommen werden: Wenn sie zur Wiederöffnung führen, ist das eine gute Nachricht. Mein Fokus liegt ausschliesslich darauf, dass die Meerenge so schnell wie möglich wieder geöffnet wird. Frage: Was geschieht, wenn Iran beginnt, in der Strasse von Hormuz von Schiffen eine Gebühr zu erheben? Antwort: Es gibt noch andere wichtige Meerengen, wie beispielsweise die Strasse von Malakka. Nach internationalen Seeverkehrsregeln sollte niemand Gebühren für die Durchfahrt durch diese Meerengen erheben. Wenn diese Praxis an einem Ort Einzug hält, könnte sie sich weltweit ausbreiten. Ich rufe alle Länder auf, am Grundsatz des freien Handelsverkehrs durch diese Meerengen festzuhalten. Frage: Wie schwerwiegend sind die Schäden an der Energieinfrastruktur in der Golfregion? Antwort: Wir beobachten täglich alle Anlagen in der Region: Ölfelder, Gasfelder, Raffinerien, Terminals und Pipelines. Nach unseren Daten wurden mehr als achtzig Energieanlagen beschädigt. Davon sind mehr als ein Drittel schwer oder sehr schwer beschädigt. Dies unterstreicht, was ich schon lange sage: Man sollte nicht glauben, dass am Tag nach der Wiederöffnung der Strasse von Hormuz alles wieder so sein wird wie vor dem Krieg. Es wird Zeit, grosse Anstrengungen und erhebliche Investitionen brauchen, um wieder das Niveau von vor der Krise zu erreichen. Wir sollten uns für einige Zeit auf volatile Märkte einstellen. Frage: Können Sie abschätzen, wie lange es dauern wird, bis die volle Produktion wieder erreicht ist? Antwort: Das wird von Land zu Land unterschiedlich sein. Im Irak wird es zum Beispiel viel länger dauern als in Saudiarabien. Wir schätzen aber, dass es gesamthaft etwa zwei Jahre dauern wird, bis das Vorkriegsniveau wieder erreicht ist. Natürlich wird es am Tag der Wiederöffnung der Meerenge eine deutliche Verbesserung geben, aber das Erreichen der vollen Kapazität wird Zeit brauchen. Frage: Was muss in Zukunft getan werden, um einen weiteren Energieschock wie diesen zu vermeiden? Antwort: Es wird eine umfassende strategische Reaktion auf diese Krise geben. In den 1970er Jahren gab es zwei Ölkrisen, 1973 und 1979. Beide führten zu Rezessionen und wirtschaftlichen Schäden, lösten aber auch wichtige Massnahmen im Energiebereich aus. So gab es beispielsweise eine Welle von neuen Kernkraftwerken. Die zweite Reaktion war eine verbesserte Energieeffizienz. Vor den Energiekrisen der 1970er Jahre benötigte ein durchschnittliches Auto etwa 20 Liter, um 100 Kilometer zurückzulegen. Dieser Wert sank auf etwa 10 Liter pro 100 Kilometer. In Europa hat sich der Ausbau erneuerbarer Energien nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine verdreifacht. Ich erwarte ähnliche Reaktionen auf diese Krise. Die Produktion aus erneuerbaren Energien wird stark zunehmen, nicht nur aus Klimagründen, sondern auch aufgrund der Energiesicherheit. Das Comeback der Kernenergie wird sich beschleunigen. Ich gehe auch davon aus, dass die Verbreitung von Elektrofahrzeugen schneller zunehmen wird als bisher erwartet. Frage: Besteht nicht die Gefahr, dass wir von der Abhängigkeit von Ölstaaten in eine Abhängigkeit von Elektrostaaten rutschen? Antwort: Ich warne seit Jahren vor der starken Abhängigkeit von der Strasse von Hormuz. Ich sagte immer wieder, dass die Weltwirtschaft – eine 110-Billionen-Dollar-Wirtschaft – von ein paar hundert bewaffneten Männern in einer 50 Kilometer breiten Meerenge in Geiselhaft genommen werden kann. Jetzt sehen wir, wie real dieses Risiko war. Die gleiche Warnung gilt für kritische Mineralien – Kupfer, Lithium, Kobalt und Seltenerdmetalle. Sowohl der Abbau als auch die Raffinierung sind in einem einzigen Land konzentriert. Dies ist ein weiterer wichtiger Engpass. Meine goldene Regel für die Energiesicherheit war schon immer Diversifikation: Setze nie alles auf eine Karte. Wir sollten nicht wieder in dieselbe Falle tappen. Frage: Bedeutet Diversifikation bei der Energieversorgung kurzfristig auch eine Rückkehr zur Kohle? Antwort: Ja, wir beobachten, dass insbesondere in Asien einige Länder Kohle nutzen, um Engpässe beim Gas zu überbrücken. Ob dies nur vorübergehend ist, bleibt abzuwarten. Doch die Gasindustrie steht vor einer grossen Herausforderung. In der Vergangenheit hatte Gas den Ruf, eine erschwingliche, zuverlässige und sichere Energiequelle zu sein. In den letzten vier Jahren gab es jedoch zwei grosse Gaskrisen: eine in Europa während der russischen Invasion in der Ukraine und eine weitere derzeit im Nahen Osten. Die Gasindustrie muss hart daran arbeiten, diese positiven Attribute zurückzugewinnen. Andernfalls könnte Kohle in einigen Bereichen Gas ersetzen. Und erneuerbare Energien – die von Tag zu Tag günstiger werden – könnten Gas ebenfalls Konkurrenz machen, insbesondere in Entwicklungsländern. Eine Eskalation des Iran-Kriegs durch Donald Trump könnte die Weltwirtschaft in eine Rezession reissen – mit Auswirkungen bis in die Schweiz Energieschock, Düngemittelknappheit, Ernährungskrise in Entwicklungsländern. Der Iran-Krieg erschüttert Länder auf der ganzen Welt. In vielen Staaten droht zumindest eine Stagflation. So wirkt sich der Iran-Krieg auf die Preise und die Wirtschaft in der Schweiz aus Trump hat im Iran-Krieg keine klaren Ziele. Und könnte den Krieg genau darum verlieren Ein neuer Vorwurf gegen Jacques Moretti könnte eine Wende im Fall Crans-Montana bringen Klaus-Michael Kühne: ein Patriarch alter Schule mit harter Hand und unternehmerischem Instinkt René Höltschi, Berlin Gestern Ein junger Forscher übernimmt einen Kühlschrank voller Bakterien. Elf Jahre später verkauft er seine Firma für bis zu 450 Millionen Franken – wie geht das? Zweiter Weltkrieg oder «Top Gun»: Trump verwirklicht sich jetzt auch beim Design der Kriegsschiffe Andreas Scheiner, Chicago Gestern Kanadier sind zäh. Das beweist Premierminister Mark Carney im Handelsstreit mit den USA Wegen neuer Einreisekontrollen der EU: Die Swiss befürchtet in den Herbstferien lange Wartezeiten Bei Anti-Israel-Demonstrationen fallen alle Hemmungen. 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